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Short Stories

Alltag

Das ewige Thema:

Imagine

Er war unbestritten einer der größten Musiker des letzten Jahrhunderts und es gibt viele, die bei ihm nicht einmal vor dem großen Begriff „Genie“ zurückschrecken. Bis heute interessieren sich die Menschen vor allem dafür, was hinter der Fassade des legendären Beatles steckte. Wie tickte John Lennon wirklich? Wie gut oder schlecht verstanden er und Paul McCartney sich wirklich. Die beiden waren erst beste Freunde, dann größte Rivalen, Feinde fast – dann ? ja, was? Waren sie wieder Freunde? Geschäftspartner? Duldeten sie sich um des schnöden Mammons Willen? Ertragreich war ihre Zusammenarbeit jedenfalls immer. Und dann gibt es da natürlich die Frau, an der sich die Geister scheiden, bis heute: War Yoko Ono Fluch oder Segen für Lennon? Seine größte Inspiration oder sein Untergang?

David Foenkinos, der mir seit seinem grandiosen Roman „Charlotte“ sehr am Herzen liegt, hat sich mit der Idee, einen Roman über John Lennon zu schreiben, keine leichte Aufgabe vorgenommen. Oder wie es die französische Zeitung „Le Figaro“ so schön formulierte:

Inside John Lennon: Die Herausforderung war groß. David Foenkinos hat sie mit Bravour gemeistert.

„Inside John Lennon“ – das bringt es tatsächlich auf den Punkt. Was der französische Autor hier vorlegt, ist kein Roman im herkömmlichen Sinne. Es liest sich wie ein autobiografisches Dokument, wie Tagebucheinträge Lennons, die endlich ans Licht gekommen sind, – oder besser ausgedrückt, wie schriftliche Aufzeichnungen von Mitschnitten.

Foenkinos lässt „seinen“ Lennon achtzehn Sitzungen beim Psychologen absolvieren. Dabei redet sich der Roman-Lennon alles frei weg von der Leber, alles in schnodderigem Umgangston. Es ist ein Monolog, niemals antwortet, unterbricht oder fragt das Gegenüber. Lennon flucht, er schimpft, er lobt aber auch und nimmt zu harte Äußerungen auch wieder zurück. Kurz: Lennon menschelt.

Ich tue mich schwer damit, dem Urteil von „Le Figaro“, dass Foenkinos seine Aufgabe mit Bravour meisterte, zuzustimmen, weil: Lennon menschelt mir manchmal zu sehr. Lennon war Brite, Foenkinos ist Franzose, ich lese die deutsche Übersetzung des französischen Werkes – das, was da an vorgeblich authentischer Lennon-Sprache auf dem Papier steht, ist mir manchmal einfach schon zu plakativ. Was weiß ich, wie Lennon geklungen hätte, wäre er Muttersprachler Deutsch gewesen – aber ob es nun das ist, was mir hier vorgesetzt wird – keine Ahnung! Ich kann nur subjektiv sagen, dass mich der bemühte Lennon-Sprachduktus manchmal nervt. Ganz einfache, schlichte Sätze – eben eher gesprochene Sprache schriftlich fixiert.

Der Autor lässt seinen Lennon in diesen Sitzungen nun von seinem Leben erzählen, natürlich beginnend bei der Kindheit, die in der Tat traurig und negativ prägend für den Musiker war: Seine Mutter verließ ihn, als er ein kleiner Stöpsel war. Er wuchs bei seiner Tante Mimi auf. Die Mutter tauchte nur immer wieder wie ein Deus ex machina auf, brachte Unruhe ins funktionierende System und verschwand dann erneut. Dramatisches spielte sich da vor den Augen des kleinen John ab.

Jedes Kapitel hat einen unterschiedlichen Schwerpunkt und so erfährt der Leser viel über Lennons Biografie. Doch wer kennt ihn nicht, den Lebenslauf dieses Mannes? Wer wüsste nicht Bescheid über die Anfänge in Liverpool, die ersten großen Erfolge in Hamburg (yeah!) und den dann kometenhaften Auftstieg der „Pilzköpfe“?

Das ist für mich das Hauptproblem dieses Buchs: Es ist genau genommen überflüssig. Sicher, es liest sich gut, denn Foenkinos kann einfach toll schreiben, doch was ich lese, ist Allgemeingut. So wie der ganze John Lennon Allgemeingut geworden ist. Ich glaube dem Autor, dass er seit Kindertagen ein großer Fan der Beatles ist, dass er viel und gut recherchiert hat – doch was gibt es heute denn noch, was man nicht über John Lennon wüsste?

Während der ganzen Lektüre hatte ich von den beschriebenen Sequenzen merkwürdig lebhafte Bilder vor Augen – bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen fiel: Irgendwann vor einigen Jahren gab es im Fernsehen mal einen dokumentationsartigen Film über John Lennon, den ich gesehen hatte, und der alles thematisierte, was im Buch auch angesprochen wurde. Ich hatte Tante Mimi klar vor Augen, sämtliche beschriebenen Situationen, so wie z.B. der Moment, als Touristenbusse vor dem Haus der alten Tante halten und hysterisch kreischende Damen Einlass verlangen (und anfangs bekommen!), weil sie Lennons Jugendzimmer sehen wollen.

Nichts, was ich gelesen habe in dem grob 200 Seiten umfassenden Roman, war mir komplett neu. Alles hatte ich schon mal irgendwo gelesen, gehört, gesehen. Daher war auch der Spannungsbogen kaum vorhanden für mich.

Einzig, dass Lennon phasenweise extrem gewalttätig geworden ist, war mir bislang nicht bekannt, und auch nicht, dass die lieben, guten Beatles gar nicht so lieb waren. Dass man ihnen das Image, wie die Bilderbuchschwiegersöhne auszusehen, aufgedrückt hatte – und dass sie in Wirklichkeit genauso über die Stränge geschlagen haben wie die Stones. Sowohl was Sex als auch was Drogen angeht.

Und so lege ich das Buch nach zwei Abenden netter, aber doch wenig außergewöhnlicher Lektüre beiseite und bin unentschlossen, was ich dazu sagen soll. Ein ehrgeiziges Buchprojekt über ein zu bekanntes Thema.

Ein wenig melancholisch werde ich, als ich den Epilog lese, denn tatsächlich stehen dort die paar Sätze, die mich mehr anrühren als der ganze restliche Roman:

Der Verwundete wird so schnell wie möglich ins Roosevelt Hospital gebracht. Unterwegs bemüht sich der Beamte, Lennon bei Bewusstsein zu halten. Er verliert zu viel Blut. Der Polizist fragt ihn: „Sind Sie John Lennon?“ Lennon antwortet Ja. Das ist sein letztes Wort. Er stirbt kurz vor Mitternacht.

 

Rezensiert von unserer Kollegin Birgit Rehaag

 

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